6. Umneys letzter Fall
Inhaltsverzeichnis
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7. Die andere Seite des Lichts
Das alles geschah vor sechs Monaten.
Ich erwachte auf dem Boden eines düsteren Raums, hörte ein Summen in den Ohren, richtete mich auf die Knie auf, schüttelte den Kopf, damit ich einen klaren Gedanken fassen konnte, und sah zu dem grünen Leuchten auf, durch das ich gefallen war wie Alice durch den Spiegel. Ich sah eine Buck Rogers--Maschine, die der große Bruder derjenigen sein konnte, die Landry mit in mein Büro gebracht hatte. Grüne Buchstaben leuchteten darauf, ich rappelte mich auf, damit ich sie lesen konnte, und kratzte dabei mit den Fingernägeln geistesabwesend über die Unterarme:
Und so verließ ich die Stadt, und wo ich schließlich landete... nun, Mister, ich glaube, das ist meine Angelegenheit. Sie nicht auch?
Und darunter, in Versalien und zentriert, noch ein Wort:
ENDE.
Ich las es noch einmal, und dann kratzte ich mit den Fingern über den Bauch. Das tat ich, weil etwas mit meiner Haut nicht stimmte, das nicht gerade schmerzhaft war, aber auf jeden Fall nervtötend. Kaum hatte ich daran gedacht , stellte ich fest, daß dieses unheimliche Gefühl von überall kam -- vom Halsansatz, den Oberschenkeln, dem Schritt.
Gürtelrose, dachte ich plötzlich. Ich habe Landrys Gürtelrose. Ich verspüre den Juckreiz, und ich habe ihn nur deshalb nicht gleich erkannt, weil...
"Weil ich vorher noch nie einen Juckreiz hatte", sagte ich, und dann fügte sich auch der Rest zusammen. So schnell und fest, daß ich tatsächlich schwankte. Ich ging langsam zu einem Spiegel an der Wand, bemühte mich, meine seltsam kribbelnde Haut nicht zu kratzen, und wußte, ich würde eine ältere Version meines Gesichts sehen, ein Gesicht mit Runzeln wie ausgetrocknete Bachbetten und von einem Schopf weißen Haars gekrönt.
Jetzt wußte ich, was passierte, wenn Schriftsteller irgendwie das Leben einer Figur übernahmen, die sie geschaffen hatten. Es handelte sich doch nicht genau um Diebstahl.
Mehr um einen Tausch.
Ich stand da und betrachtete Landrys Gesicht -- mein Gesicht, nur fünfzehn Jahre gealtert --, und spürte meine Haut kribbeln und jucken. Hatte er nicht gesagt, daß seine Gürtelrose besser wurde? Wenn dies besser war, wie hatte er das Schlimmere ertragen können, ohne völlig den Verstand zu verlieren?
Ich befand mich natürlich in Landrys Haus -- das jetzt mein Haus war --, und im Bad neben dem Arbeitszimmer fand ich die Medizin, die er gegen die Gürtelrose nahm. Meine erste Dosis nahm ich nicht einmal eine Stunde nachdem ich auf dem Boden unter seinem Schreibtisch und der summenden Maschine auf dem Schreibtisch erwacht war, und es war, als hätte ich sein Leben statt seiner Medizin geschluckt.
Als hätte ich sein ganzes Leben geschluckt.
Heutzutage gehört die Gürtelrose der Vergangenheit an, kann ich glücklicherweise sagen. Vielleicht hat sie einfach ihren Lauf genommen, aber ich denke gern, daß der alte Kampfgeist von Clyde Umney etwas damit zu tun hat -- Clyde war sein ganzes Leben lang nicht einen einzigen Tag krank gewesen, wissen Sie, und obwohl ich in diesem abgehalfterten Körper von Sam Landry immer Schnupfen zu haben scheine, soll mich der Teufel holen, wenn ich mich von ihnen unterkriegen lasse ... und seit wann hat es geschadet, wenn man ein wenig positives Denken betrieb? Ich glaube, die korrekte Antwort darauf lautet: Noch nie.
Aber ich habe eine schlimme Zeit durchgemacht, und die erste unangenehme Überaschung erfolgte keine vierundzwanzig Stunden nachdem ich in diesem unvorstellbaren Jahr 1994 aufgetaucht war. Ich suchte in Landrys Kühlschrank nach etwas zu essen (am Abend zuvor hatte ich mich über sein Black Horse Bier her gemacht und stellte fest, daß es meinem Kater nicht schaden konnte, etwas zu essen), als plötzlich Schmerzen in meine Eingeweide schnitten. Ich glaubte, ich müßte sterben. Es wurde schlimmer, und da wußte ich, daß ich sterben würde. Ich fiel auf den Küchenboden und versuchte, nicht zu schreien. Einen oder zwei Augenblicke später geschah etwas, und die Schmerzen ließen nach.
Ich habe fast mein ganzes Leben lang den Ausdruck "scheißegal" verwendet. Das hat sich seit jenem Morgen geändert. Ich säuberte mich, dann ging ich die Treppe hinauf und wußte, was ich im Schlafzimmer finden würde: nasse Laken auf Landrys Bett.
Die erste Woche in Landrys Welt verbrachte ich hauptsächlich mit Toilettentraining. In meiner Welt ging selbstverständlich nie jemand aufs Klo. Oder zum Zahnarzt, was das anbetraf, und an meinen ersten Ausflug zu dem, dessen Adresse in Landrys Rodolex stand, möchte ich gar nicht denken, geschweige denn, darüber sprechen.
Doch gelegentlich stieß ich auch auf einen Lichtblick in dieser Dunkelheit. Zunächst einmal mußte ich in dieser verwirrenden, düsenbetriebenen Welt von Landry nicht auf Jobsuche gehen, seine Bücher verkaufen sich offenbar nach wie vor ausgezeichnet, und ich habe keine Schwierigkeiten, die Schecks einzulösen, die mit der Post kommen. Meine Unterschrift und seine sind selbstverständlich identisch. Und was mögliche moralische Bedanken betrifft, daß ich nicht lache. Diese Schecks sind für Geschichten über mich. Landry hat sie nur geschrieben, ich durchlebte sie. Verdammt, ich habe die fünfzigtausend allein dafür verdient, daß ich auch nur in Reich weite von Mavis Welds Krallen gekommen bin.
Ich rechnete damit, daß ich Probleme mit Landrys Freunden bekommen würde, aber ein hochkarätiger Schnüffler wie ich hätte das eigentlich besser wissen müssen -- würde jemand mit echten Freunden allen Ernstes in eine Welt verschwinden wollen, die er auf der Bühne seiner eigenen Phantasie geschaffen hatte? Unwahrscheinlich. Landrys Freunde waren seine Frau und sein Sohn, und die waren tot. Es gab Verwandte und Nachbarn, aber die schienen mich als ihn zu akzeptieren. Die Frau auf der anderen Straßenseite wirft mir von Zeit zu Zeit verwirrte Blicke zu, und ihre Tochter weint, wenn ich auch nur in ihre Nähe komme, obwohl ich schon den Babysitter für sie gemacht habe (behauptet die Frau auf jeden Fall, und warum sollte sie lügen?), aber das macht nichts.
Ich habe sogar mit Landrys Agent gesprochen, einem Mann aus New York namens Verrill. Er will wissen, wann ich mit einem neuen Buch anfangen werde.
Bald, sage ich ihm. Bald.
Ich bleibe weitgehend drinnen. Ich habe keine Lust, die Welt zu erforschen, in die Landry mich gesoßen hat, als er mich aus meiner eigenen vertrieb, ich sehe bei den wöchentlichen Ausflügen zur Bank und dem Lebensmittelladen mehr als ich will, und ich habe mich keine zwei Stunden, nachdem ich herausgefunden hatte, wie man sie bedient, mittels dieser schrecklichen Fernsehmaschine umgesehen. Es überrascht mich nicht mehr, daß Landry diese ächzende Welt mit ihrer Last von Krankheiten und sinnloser Gewalt verlassen wollte -- eine Welt, wo nackte Frauen in den Schaufenstern von Nachtclubs tanzen und Sex mit ihnen einen umbringen kann.
Nein, ich verbringe meine Zeit weitgehend drinnen. Ich habe jeden seiner Romane noch einmal gelesen, und jedesmal war mir, als blätterte ich die Seiten eines heißgeliebten Albums durch. Und selbstverständlich habe ich mir beigebracht , seinen Textcomputer zu benützen. Der ist nicht wie die Fernsehmaschine, der Bildschirm sieht ähnlich aus, aber mit dem Textcomputer kann man die Bilder erzeugen, die man selbst sehen will, weil sie alle aus dem eigenen Kopf stammen .
Das gefällt mir.
Sehen Sie, ich habe mich vorbereitet -- habe Sätze ausprobiert und wieder verworfen wie man Teile eines Puzzles ausprobiert. Und heute morgen habe ich ein paar geschrieben, die richtig klingen... jedenfalls fast richtig. Möchten Sie sie hören? Okay, los geht's:
Als ich zur Tür sah, erblickte ich einen ausgesprochen betrübten und niedergeschlagenen Peoria Smith, der dort stand. "Ich glaube, ich habe Sie beim letzten Mal ziemlich mies behandelt, Mr. Umney", sagte er. "Ich bin gekommen, um zu sagen, daß es mir leid tut." Es waren mehr als sechs Monate vergangen, aber er sah unverändert aus. Und ich meine unverändert.
"Du trägst immer noch deine Brille", sgte ich.
"Ja. Wir haben die Operation versucht, aber es hat nicht geklappt." Er seufzte, dann grinste er und zuckte die Achseln. In dem Augenblick sah er wieder wie der Peoria aus, den ich immer gekannt hatte. "Aber was soll's, Mr. Umney -- blind zu sein ist gar nicht so schlimm."
Es ist nicht perfekt, klar, das weiß ich. Ich war Detektiv, jetzt bin ich Schriftsteller. Aber ich glaube, man kann fast alles, wenn man es nur will, und wenn man dahin geht, wo der Hund begraben liegt, dann ist es auch nur eine andere Form von Schlüssellochgucken. Größe und Form des Textcomupterschlüssellochs sind ein wenig anders, aber es ist trotzdem noch so, als würde man in das Leben anderer Leute sehen und dann den Klienten melden, was man gesehen hat.
Ich bringe es mir aus einem ganz einfachen Grund bei: Ich will nicht hier sein. Sie können es als L. A. 1994 bezeichnen, wenn Sie wollen, ich nenne es die Hölle. Die gräßlichen Tiefkühlgerichte, die man in einer Kistenamens "Mikrowelle" kocht, die Turnschuhe, die wie Frankensteins Pantoffel aussehen, die Musik im Radio, die sich anhört, als würde man Kühe bei lebendigem Leib in einem Dampfkochtopf garen, es ist...
Nun, es ist einfach alles.
Ich will mein Leben zurück. Ich will alles wieder so, wie es war, und ich glaube, ich weiß, wie ich es anstellen muß.
Sie sind ein trauriger, diebischer Dreckskerl, Sam -- darf ich Sie noch so nennen? --, und Sie tun mir leid... aber das geht nur bis zu einem gewissen Punkt, denn das entscheidende Wort hier ist diebisch. Meine anfängliche Meinung zu diesem Thema hat sich überhaupt nicht geändert, sehen Sie -- ich bin immer noch nicht der Meinung, daß die Gabe zu erschaffen auch zum Stehlen berechtigt.
Was machen Sie in diesem Augenblick, Sie Dieb? Dinner im Petit Dejeuner einnehmen, das Sie geschaffen haben? Neben einer atemberaubenden Puppe mit perfekten, straffen Brüsten schlafen, die Mord auf den Ärmel ihres Negligees gestickt hat? Sorglos nach Malibu fahren? Oder sich einfach nur im Schreibtischstuhl zurück lehnen und sich Ihres schmerzfreien, geruchsfreien und scheißefreien Lebens erfreuen? Was machen Sie?
Ich habe mir das Schreiben beigebracht, das ist meine Beschäftigung, und nachdem ich es heraus habe, glaube ich, daß ich zunehmend besser werde. Ich kann Sie schon fast sehen.
Morgen werden Clyde und Peoria ins Blondie's gehen, das neu eröffnet hat. Dieses Mal wird Peoria Clydes Einladung zum Frühstück annehmen. Das wird der zweite Schritt.
Ja, ich kann Sie schon fast sehen, Sam, und bald werde ich es. Aber ich glaube nicht, daß Sie mich sehen werden. Erst wenn ich hinter Ihrer Bürotür hervorkomme und Ihnen die Hände um den Hals lege.
Dieses Mal geht niemand nach Hause.
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6. Umneys letzter Fall
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