Englische Übersetzung

5. Ein Gespräch mit Gott 7. Die Andere Seite des Lichts

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6. Umneys letzter Fall

Unten auf der Straße, sechs Stockwerke tiefer, war ein Mann erstarrt, der den Kopf halb gedreht hatte, damit er die Frau an der Ecke beobachten konnte, die die Treppe des Busses Nummer achtundfünfzig Richtung Innenstadt hinaufstieg. Sie hatte vorübergehend ein wunderbares Stück Bein entblößt, und dieses bewunderte der Mann. Ein Stück weiter die Straße hinab hielt ein Junge seinen fadenscheinigen alten Baseballhandschuh hoch, um einen Ball zu fangen, der erstarrt über seinem Kopf in der Luft hing. Und knapp zwei Meter über der Straße schwebte wie ein Geist, den ein drittklassiger Swami bei einer Jahrmarktsseance beschworen hatte, eine der Zeitungen von Peoria Smiths umgestürztem Tisch. Unglaublicherweise konnte ich selbst von hier oben die beiden Fotos erkennen: Hitler oberhalb des Falzes, der jüngst verstorbene kubanische Bandleader darunter.

Landrys Stimme schien aus weiter Ferne zu erklingen.

"Zuerst dachte ich, das bedeutet, daß ich den Rest meines Lebens in einer Irrenanstalt verbringen und denken würde, ich wäre du, aber das hätte mich nicht gestört, weil ja nur mein Körper in der Klapsmühle eingesperrt wäre, verstehst du? Aber allmählich wurde mir klar, daß es wesentlich mehr sein könnte... daß es eventuell eine Möglichkeit gab, wie ich... nun... ganz überwechseln konnte. Und weißt du, was der Schlüssel war?"

"Ja", sagte ich ohne mich umzudrehen. Das Surren ertönte wieder, als sich etwas in seiner Maschine drehte, und plötzlich flatterte die Zeitung, die in der Luft hing, auf den erstarrten Boulevard. Einen oder zwei Augenblicke später rollte ein alter DeSoto ruckartig über die Kreuzung Sunset und Fernando. Er stieß mit dem Jungen zusammen, der den Baseballhandschuh trug, worauf der und die DeSoto Limousine verschwanden. Aber nicht der Ball. Der fiel auf die Straße, rollte halb in den Rinnstein und erstarrt wieder.

"Tatsächlich?" Er hörte sich überrascht an.

"Ja. Peoria war der Schlüssel."

"Stimmt genau." Er lachte, dann räusperte er sich -- beides nervöse Geräusche. "Ich vergesse immer wieder, daß du ich bist."

Das war ein Luxus, den ich nicht besaß.

"Ich habe an einem neuen Buch herumgemacht, aber das führte zu nichts. Ich habe bis Sonntag sechs verschiedene Entwürfe für Kapitel Eins gemacht, bis mir etwas Interessantes einfiel: Peoria Smith konnte dich nicht leiden."

Da wirbelte ich hastig herum. "Was Sie nicht sagen!"

"Ich dachte mir, daß du es nicht glauben würdest, aber es stimmt, und irgendwie hatte ich es schon immer gewußt. Ich will nicht schon wieder Literaturunterricht erteilen, Clyde, aber ich kann dir eines über mein Metier verraten -- Geschichten in der ersten Person zu schreiben, ist eine komische, vertrackte Angelegenheit. Es ist, als würde alles, was der Autor weiß, von seiner Hauptperson kommen, wie eine Reihe von Briefen oder Berichten aus einem weit entfernten Kampfgebiet. Es kommt äußerst selten vor, daß der Schriftsteller ein Geheimnis hat, aber in diesem Fall hatte ich eines. Es war, als wäre dein kleiner Abschnitt des Sunset Boulevard der Garten Eden..."

"Ich habe noch nie gehört, daß ihn jemand so genannt hat", bemerkte ich.

"... und es gab eine Schlange darin, die ich sah und du nicht. Eine Schlange namens Peoria Smith."

Draußen wurde die erstarrte Welt, die er meinen Garten Eden nannte, noch dunkler, obwohl der Himmel wolkenlos war. Das Red Door, ein Nachtclub, der angeblich Lucky Luciano gehörte, verschwand. Einen Augenblick befand sich nur ein Loch, wo er gewesen war, und dann entstand ein neues Gebäude -- ein Restaurant namens Petit Dejeuner mit einem Fenster voller Farne. Ich sah die Straße hinauf und stellte fest, daß noch andere Veränderungen vonstatten gingen -- neue Gebäude ersetzten alte mit lautloser, unheimlicher Schnelligkeit. Das bedeutete, meine Zeit wurde knapp, ich wußte es. Unglücklicherweise wußte ich noch etwas -- wahrscheinlich würde ich in der verbleibenden Zeit keine Chance mehr haben. Wenn Gott einem ins Büro spaziert kommt und sagt, daß ihm dein Leben besser gefällt als sein eigenes, was hat man da schon für Möglichkeiten?

"Ich vernichtete die verschiedenen Fassungen des Romans, den ich zwei Monate nach dem Tod meiner Frau angefangen hatte", sagte Landry. "Das fiel mir leicht -- es waren armselige, verkrüppelte Versuche. Und dann fing ich einen neuen an. Er trägt den Titel... kannst du ihn erraten, Clyde?"

"Klar", sagte ich und wirbelte herum. Es erforderte meine ganze Kraft, aber was dieser Penner meine "Motivation" nennen würde, war gut. Sunset Strip ist nicht gerade die Champs Elysees oder der Hyde Park, aber er ist meine Welt. Ich wollte nicht mit ansehen, wie er ihn zerstörte und so wieder aufbaute, wie er ihn haben wollte. "Ich vermute, Sie haben ihn Umneys letzter Fall genannt."

Er sah mich gelinde überrascht an. "Da vermutest du richtig."

Ich winkte mit der Hand. Es war ein Kraftakt, aber ich schaffte es. "Wissen Sie, ich habe 1934 und 1935 nicht umsonst den Preis Schnüffler des Jahres gewonnen."

Darüber mußte er lächeln. "Ja. Der Satz hat mir immer gut gefallen."

Plötzlich haßte ich ihn -- haßte ihn wie die Pest. Wenn ich die Kraft hätte aufbringen können, über den Schreibtisch zu hechten und ihm den Hals umzudrehen, hätte ich es getan. Und das sah er mir an. Das Lächeln verschwand.

"Vergiß es, Clyde -- du hättest keine Chance."

"Warum verschwinden Sie nicht einfach von hier?" knurrte ich ihn an. "Verschwinden einfach und lassen einen arbeitenden Menschen in Ruhe?"

"Weil ich es nicht kann. Ich könnte es nicht einmal, wenn ich es wollte... aber ich will es nicht." Er sah mich mit einer seltsamen Mischung aus Zorn und Flehen an. "Versuch es aus meiner Warte zu sehen, Clyde..."

"Habe ich eine andere Wahl? Hatte ich je eine?"

Das überhörte er. "Hier ist eine Welt, in der ich nie älter werde, ein Jahr, in dem alle Uhren rund achtzehn Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs stehen geblieben sind, wo die Zeitungen immer drei Cent kosten, wo ich soviel Eier und rotes Fleisch essen kann, wie ich will, ohne mir Sorgen wegen meines Cholesterinspiegels machen zu müssen."

"Ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon Sie reden."

Er beugte sich ernst nach vorne. "Nein, natürlich nicht! Und genau darum geht es, Clyde! Dies ist eine Welt, in der ich wirklich den Job haben kann, von dem ich als kleiner Junge träumte -- ich kann Privatdetektiv sein. Ich kann um zwei Uhr morgens mit einem schnellen Auto herumsaußen, ich kann Schießereien mit Gangstern veranstalten -- und weiß, daß sie sterben können, aber ich nicht --, und ich kann acht Stunden später neben einer wunderschönen Sängerin aufwachen, während die Vögel in den Bäumen zwitschern und die Sonne in mein Schlafzimmerfenster scheint. Die klare, wunderschöne Sonne Kaliforniens."

"Mein Schlafzimmerfenster liegt nach Westen", sagte ich.

"Nicht mehr", antwortete er gelassen und ich spürte, wie ich die Hände auf den Stuhllehnen zu kraftlosen Fäusten ballte. "Siehst du, wie wunderbar es ist? Wie perfekt? In dieser Welt werden die Leute wegen einer dummen, würdelosen Krankheit namens Gürtelrose nicht halb verrückt vor Juckreiz. In dieser Welt werden Menschen nicht grau, geschweige denn kahl."

Er sah mich gleichgültig an, und in diesem Blick sah ich keine Hoffnung für mich. Überhaupt keine Hoffnung.

"In dieser Welt sterben geliebte Söhne niemals an AIDS und geliebte Ehefrauen nehmen niemals eine Überdosis Schlaftabletten. Außerdem warst du immer der Außenseiter hier, nicht ich, wie du es selbst auch immer gesehen haben magst. Dies ist meine Welt, die durch meine Phantasie geboren wurde und durch meine Bemühungen und Ambitionen aufrecht erhalten wird. Ich habe sie dir eine Zeitlang geliehen, das ist alles... und jetzt hole ich sie mir zurück."

"Erzählen Sie mir noch, wie Sie her gekommen sind, würden Sie das wenigstens tun? Ich will es wirklich wissen."

"Das war ganz leicht. Ich nam sie auseinander, angefangen mit den Demmicks, die nie mehr als eine lausige Imitation von Nick und Nora Charles waren, und baute sie nach meinem Ebenbild neu auf. Ich habe alle geliebten Nebenrollen heraus genommen, und jetzt entfernte ich alle alten Örtlichkeiten. Mit anderen Worten, ich ziehe dir einen Faden nach dem anderen den Teppich unter den Füßen weg, und darauf bin ich nicht stolz, aber ich bin stolz auf die Willenskraft, die dazu erforderlich ist."

"Was ist in Ihrer eigenen Welt mit Ihnen passiert?" Ich hielt ihn immer noch hin, aber jetzt nur noch aus Gewohnheit, so wie ein altes Pferd an einem verschneiten Morgen den Weg in den Stall zurückfindet.

Er zuckte die Achseln. "Wahrscheinlich tot. Oder vielleicht habe ich tatsächlich einen Körper hinterlassen -- eine leere Hülle --, der katatonisch in einem Sanatorium sitzt. Aber ich glaube nicht, daß es so ist -- dies alles hier scheint zu real zu sein. Nein, ich glaube ich habe es vollkommen herüber geschafft, Clyde. Ich glaube, zu Hause suchen sie nach einem verschwundenen Schriftsteller... und haben keine Ahnung, daß der in den Speicherbänken seines eigenen Textcomputers verschwunden ist. Und um die Wahrheit zu sagen, es ist mir eigentlich auch vollkommen egal."

"Und ich? Was wird aus mir?"

"Clyde", sagte er, "das ist mir auch egal."

Er beugte sich wieder über seine Maschine.

"Nicht!" sagte ich schneidend.

Er sah auf.

"Ich..." Ich hörte das Zittern meiner Stimme, versuchte es zu unterdrücken, mußte aber feststellen, daß ich es nicht konnte. "Mister, ich habe Angst. Bitte lassen Sie mich in Ruhe. Ich weiß, das da draußen ist gar nicht mehr meine Welt -- verdammt, hier drinnen auch nicht --, aber es ist die einzige Welt, die ich je auch nur annähernd gekannt habe. Lassen Sie mir, was noch davon übrig ist. Bitte."

"Zu spät, Clyde." Wieder hörte ich dieses unbarmherzige Bedauern in seiner Stimme. "Schließ die Augen. Ich mache so schnell ich kann."

Ich versuchte, mich auf ihn zu stürzen -- versuchte es so verbissen ich konnte. Ich bewegte mich kein Jota. Und was meine Augen betraf, ich stellte fest, daß ich sie gar nicht schließen mußte. Alles Licht war aus dem Tag gewichen, in dem Büro war es so finster wie in einem Kohlensack.

Ich spürte mehr, wie er sich über den Schreibtisch zu mir beugte, als ich es sah. Ich versuchte zurückzuweichen und mußte feststellen, daß ich nicht einmal das konnte. Etwas Trockenes und Raschelndes berührte meine Hand, und ich schrie.

"Ganz ruhig, Clyde." Seine Stimme kam aus der Dunkelheit. Nicht nur von vor mir, sondern von überall her. Logisch, dachte ich. Schließlich bin ich nur eine Ausgeburt seiner Phantasie. "Das ist nur ein Scheck."

"Ein... Scheck?"

"Ja. Über fünftausend Dollar. Du hast mir das Geschäft verkauft. Die Maler werden heute abend, bevor sie gehen, deinen Namen von der Tür kratzen und meinen anbringen." Er hörte sich verträumt an. "Samuel D. Landry, Privatdetektiv. Klingt hervorragend, oder nicht?"

Ich versuchte zu flehen, aber auch das vermochte ich nicht. Selbst meine Stimme ließ mich im Stich.

"Mach dich bereit", sagte er. "Ich weiß nicht genau, was passieren wird, Clyde, aber es passiert jetzt. Ich glaube nicht, daß es weh tun wird." Aber selbst wenn, wäre es mir egal -- das war der Teil, den er unausgesprochen ließ.

Das leise Surren ertönte aus der Schwärze. Ich spürte, wie mein Stuhl unter mir schmolz, und plötzlich fiel ich. Landrys Stimme fiel mit mir, rezitierte im Einklang mit dem Klicken und Klappern seiner wundersamen futuristischen Stenomaschine, rezitierte die beiden letzten Sätze eines Romans mit dem Titel Umneys letzter Fall.

"'Und so verließ ich die Stadt, und wo ich schließlich landete... nun, Mister, ich glaube, das ist meine Angelegenheit. Sie nicht auch?'"

Unter mir wr ein gleißendes grünes Leuchten zu sehen. Ich fiel darauf zu. Bald würde es mich verschlingen, und bei dem Gedanken verspürte ich nur Erleichterung.

"'ENDE'", dröhnte Landrys Stimme, und dann fiel ich durch das grüne Licht, es schien durch mich, in mir, und Clyde Umney existierte nicht mehr.

Lebwohl, Schnüffler.

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5. Ein Gespräch mit Gott 7. Die Andere Seite des Lichts

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