Englische Übersetzung

4. Umneys letzter Klient 6. Umneys letzter Fall

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5. Ein Gespräch mit Gott

Obwohl ich so erschüttert war, brauchte ich nur zwei oder drei Sekunden, bis ich den Namen zuordnen konnte, wahrscheinlich weil ich ihn erst vor so kurzer Zeit gehört hatte. Laut Maler Nummer Zwei war Samuel Landry der Grund, weshalb der lange, dunkle Flur zu meinem Büro bald Austernweiß sein würde. Landry war der Besitzer des Fulwider Building.

Plötzlich kam mir ein verrückter Gedanke, aber diese Verrücktheit änderte nichts an der plötzlichen Hoffnung, die mich erfüllte. Sie -- wer immer sie sein mögen -- sagen, daß jeder Mensch auf der Welt einen Doppelgänger hat. Vielleicht war Landry meiner. Vielleicht waren wir identische Zwillinge, nicht verwandte Doubles, die irgendwie verschiedenen Eltern zehn oder fünfzehn Jahre auseinander geboren worden waren. Dieser Gedanke er klärte die anderen seltsamen Vorkommnisse des Tages selbstverständlich nicht, aber verdammt nochmal, ich konnte mich trotzdem daran klammern.

"Was kann ich für Sie tun, Mr. Landry?" fragte ich. Ich gab mir größte Mühe, aber meine Stimme hörte sich nicht mehr gelassen an. "Wenn es um die Miete geht, müssen Sie mir bitte einen oder zwei -- Tage Zeit lassen, mich sachkundig zu machen. Sieht so aus, als hätte meine Sekretärin gerade festgestellt, daß sie etwas Dringendes daheim in Kuhkaff, Idaho, zu erledigen hat."

Landry schenkte meinem kläglichen Versuch, das Thema der Unterhaltung zu wechseln, nicht die geringste Bedeutung. "Ja", sagte er mit nachdenklicher Stimme, "ich vermute, es war der Prototyp eines schlechten Tages... und das ist meine Schuld. Es tut mir leid, Clyde -- wirklich. Sie persönlich kennenzulernen ist nicht so, wie... nun, wie ich es mir vorgestellt hatte. Überhaupt nicht. Zunächst einmal kann ich Sie viel besser leiden als ich dachte. Aber jetzt gibt es kein Zurück mehr." Und er stieß einen Stoßseufzer aus. Gefiel mir überhaupt nicht.

"Was meinen Sie damit?" Meine Stimme zitterte jetzt noch schlimmer, und der Anflug von Hoffnung verschwand. Sauerstoffmangel in der eingestürzten Höhle, die einmal mein Gehirn gewesen war, schien der Grund dafür zu sein.

Er antwortete nicht gleich. Statt dessen bückte er sich und ergriff den Halter eines schmalen Lederkoffers, der an einem Bein des Klientenstuhls lehnte. Die Initialen S. D. L. standen darauf, und ich schlußfolgerte daraus, daß mein unheimlicher Besucher ihn mitgebracht hatte. Wissen Sie, ich habe 1934 und 1935 nicht umsonst den Preis Schnüffler des Jahres gewonnen.

So einen Koffer hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen -- er war zu klein und schmal für einen Aktenkoffer, und er wurde nicht mit Schnallen verschlossen, sondern mit einem Reißverschluß. Und jetzt, wo ich darüber nachdachte -- so einen Reißverschluß hatte ich auch noch nie gesehen. Die Zähne waren außerordentlich winzig und sahen überhaupt nicht wie Metall aus.

Aber mit Landrys Gepäck fing das Seltsame erst an. Selbst wenn man sein unfaßbares Aussehen -- wie ein älterer Bruder -- außer acht ließ, sah Landry nicht wie ein Geschäftsmann aus, wie ich sie kannte, und schon gar nicht wie einer, der so reich sein konnte, daß ihm das Fulwider Building gehörte. Zugegeben, es ist nicht das Ritz, aber es liegt in der Innenstadt von L. A., und mein Klient (falls er einer war) sah aus wie ein Penner an einem guten Tag, zu dem ein Bart und eine Rasur gehörten.

Er hatte blaue Jeanshosen an, das war eines, und ein Paar Turnschuhe an den Füßen... aber die sahen nicht wie die Turnschuhe aus, die ich kannte. Es handelte sich um große, klobige Dinger. Eigentlich sahen sie mehr wie die Schuhe aus, die Boris Karloff zu seinem Frankenstein--Kostüm trägt, und wenn sie aus Segeltuch bestanden, dann fresse ich meinen Lieblingshut. Das Wort, das mit roten Buchstaben auf den Seiten geschrieben stand, hörte sich wie der Name eines Gerichts auf der Speisekarte eines chinesischen Schnellimbiß an: REEBOK.

Ich betrachtete die Schreibtischunterlage, die einst mit einem Wirrwarr von Telefonnummern vollgekritzelt worden war, und da fiel mir auf, daß ich mich auch nicht mehr an die von Mavis Weld erinnern konnte, obwohl ich sie vergangenen Winter eine Millionmal angerufen haben mußte. Das Gefühl des Grauens nahm zu.

"Mister", sagte ich, "ich wünschte, Sie würden zur Sache kommen und wieder verschwinden. Wenn ich darüber nachdenke, warum lassen Sie das mit der Sache nicht einfach weg und gehen gleich zum Verschwinden über?"

Er lächelte... müde, fand ich. Das war das andere. Das Gesicht über dem schlichten weißen Hemd mit dem offenen Kragen sah schrecklich müde aus. Und schrecklich traurig. Es drückte aus, daß der Mann, dem es gehörte, Dinge durchgemacht haben mußte, die ich mir nicht einmal vorstellen konnte. Ich verspürte eine gewisse Sympathie für meinen Besucher, aber am meisten verspürte ich Angst. Und Wut. Weil es auch mein Gesicht war, und der Dreckskerl hatte offenbar einige dazu getan, es zu verbrauchen.

"Tut mir leid, Clyde", sagte er. "Kann nicht."

Er griff nach diesem winzigen, erstaunlichen Reißverschluß, und plötzlich wollte ich als allerletztes auf der Welt, daß Landry diesen Koffer öffnete. Um ihn daran zu hindern, sagte ich: "Besuchen Sie Ihre Mieter immer in einem Aufzug wie die Typen, die ihr Leben damit vorbringen, hinter dem Pfrug herzulaufen? Was sind Sie, einer dieser exzentrischen Millionäre?"

"Exzentrisch bin ich durchaus", sagte er. "Und es wird dir nichts nützen, die Sache hinauszuzögern, Clyde."

"Wie kommen Sie darauf, daß ich..."

Dann sprach er das aus, wovor mir graute, und löschte gleichzeitig das letzte winzige Fünkchen Hoffnung aus. "Ich kenne alle deine Gedanken, Clyde. Schließlich bin ich du."

Ich leckte mir die Lippen und zwang mich zu sprechen, ich hätte alles getan, um ihn daran zu hindern, diesen Reißverschluß zu öffnen. Rein alles. Meine Stimme klang heiser, aber wenigstens klang sie überhaupt.

"Ja, die Ähnlichkeit ist mir auch schon aufgefallen. Nur das Kölnisch kenne ich nicht. Ich selbst schwöre auf Old Spice."

Er hielt Daumen und Zeigefinger an dem Reißverschluß, zog aber nicht daran. Jedenfalls noch nicht.

"Aber es gefällt dir", sagte er durch und durch überzeugt, "und du würdest es auch benützen, wenn du es im Rexall unten an der Ecke bekommen könntest, oder nicht? Unglücklicherweise kannst du das nicht. Es ist Aramis, und es wird erst in etwa vierzig Jahren oder so erfunden werden." Er betrachtete seine seltsamen, häßlichen Basketballschuhe. "Wie meine Turnschuhe."

"Teufel nochmal."

"Nun, ja, ich denke, der Teufel könnte auch irgendwann ins Spiel kommen", sagte Landry, aber er lächelte nicht.

"Woher kommen Sie?"

"Ich dachte, das wüßtest du." Landry zog den Reißverschluß auf und offenbarte ein rechteckiges Ding aus glattem Plastik. Es hatte dieselbe Farbe, die der Flur im sechsten Stock bei Sonnenuntergang haben würde. Ich hatte so etwas noch nie gesehen. Es stand kein Markenname darauf, nur so etwas wie eine Seriennummer: T--1000. Landry nahm es aus dem Koffer, ließ mit den Daumen die Laschen an den Seiten aufschnappen, klappte das Oberteil an Scharnieren zurück und entblößte etwas, das wie der Telebildschirm in einem Buck Rogers--Film aussah. "Ich komme aus der Zukunft", sagte Landry. "Genau wie in einer Geschichte in einem Groschenheft."

"Wahrscheinlicher ist, daß Sie aus dem Sunnyland Sanatorium kommen", krächzte ich.

"Aber nicht genau wie in einem Groschenheft", sagte er und achtete überhaupt nicht darauf, was ich gesagt hatte. Er drückte einen Knopf an der Seite des Plastikgehäuses. im Inneren des Dings ertönte ein leises Surren, gefolgt von einem kurzen, pfeifenden Piepsen. Das Ding, das er auf dem Schoß hielt, sah wie eine seltsame Stenographenmaschine aus... und ich hatte so eine Ahnung, als wäre das gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt.

Er sah zu mir auf und fragte: "Wie heißt dein Vater, Clyde?"

Ich sah ihn einen Moment an und widerstand dem Impuls, wieder die Lippen zu lecken. Es war noch dunkel im Zimmer, die Sonne hinter einer Wolke verborgen, die nicht zu sehen gewesen war, als ich von der Straße hereinkam. Landrys Gesicht schien in der Düsternis zu schweben wie ein alter, verschrumpelter Ballon.

"Was hat das mit dem Preis von Gurken in Moravien zu tun?" fragte ich.

"Du weißt es nicht, oder?"

"Natürlich weiß ich es", sagte ich, und ich wußte es auch. Es fiel mir nur nicht ein, das war alles -- der Name lag mir auf der Zunge, wie die Telefonnummer von Mavis Weld, die BAyshore so--oder--so gewesen war.

"Wie ist es mit dem Namen deiner Mutter?"

"Hören Sie auf, Spielchen mit mir zu spielen!"

"Na gut, dann etwas Einfaches -- welche High School hast du besucht? Jeder amerikanische Mann mit rotem Blut in den Adern erinnert sich an die Schule, die er besucht hat, richtig? Oder das erste Mädchen, mit dem er bis zum Letzten gegangen ist. Oder die Stadt, in der er aufgewachsen ist. Bist du es in San Luis Obispo?"

Ich machte den Mund auf, aber dieses Mal kam nichts heraus.

"Carmel?"

Das hörte sich richtig an und schien völlig falsch zu sein. Mir schwirrte der Kopf.

"Oder vielleicht war es Dusty Bottom, New Mexico."

"Hören Sie auf mit dem Scheiß!" schrie ich.

"Weißt du es? Ja?"

"Ja! Es war..."

Er bückte sich. Tippte auf die Tasten seiner seltsamen Stenomaschine.

"San Diego! Geboren und aufgewachsen!"

Er stellte die Maschine auf den Schreibtisch und drehte sie um, damit ich die Worte lesen konnte, die im Fenster über den Tasten schwebten:

"San Diego! Geboren und aufgewachsen!"

Mein Blick fiel von dem Fenster auf das Wort, das in den Plastikrahmen darum herum eingestanzt war.

"Was ist ein Toshiba?" fragte ich, "Eine Beilage wenn man eine Portion Reebok bestellt?"

"Das ist eine japanische Elektronikfirma."

Ich lachte trocken. "Wem wollen Sie was vormachen, Mister? Die Japse können nicht einmal aufziehbares Spielzeug machen, ohne die Sprungfedern durcheinanderzubringen."

"Jetzt nicht", stimmte er zu, "und da wir gerade vom Jetzt sprechen, Clyde, wann ist jetzt? Welches Jahr schreiben wir?"

"1938", sagte ich, dann hob ich eine halb gelähmte Hand zum Gesicht und rieb mir die Lippen. "Moment mal -- 1939."

"Es könnte sogar 1940 sein. Habe ich recht?"

Ich sagte nichts, spürte aber, wie mein Gesicht heiß wurde.

"Nicht traurig sein, Clyde, du weißt es nicht, weil ich es nicht weiß. Ich habe es immer vage gelassen. Der Zeitraum, den ich erreichen wollte, war mehr wie eine Atmosphäre... wenn du willst, kannst du es Chandlers Amerikanische Zeit nennen. Für die meisten meiner Leser war das super, und es machte auch vom Standpunkt des Recherchierens aus alles einfacher, weil man das Verstreichen der Zeit nie ganz festlegen kann. Ist dir noch nie aufgefallen, wie oft du so etwas wie 'seit mehr Jahren als ich mich erinnern kann' oder 'länger her als ich zurückdenken will' oder 'seit Hector ein Welpe war' sagst?"

"Nein -- kann ich nicht sagen." Aber jetzt, wo er es erwähnte, fiel es mir doch auf. Und da mußte ich an die L. A. Times denken. Ich las sie jeden Tag, aber von welchem Tag stammte sie genau? Der Zeitung selbst sah man es nicht an, weil nie ein Datum im Kopf stand, nur der Wahlspruch, der lautet: "Amerikas beste Zeitung in Amerikas bester Stadt."

"Du sagst das, weil die Zeit in dieser Welt nicht wirklich vergeht. Das ist..." Er machte eine Pause, dann lächelte er voller Sehnsucht und seltsamem Verlangen. "Das ist einer ihrer vielen Vorteile", sagte er.

Ich hatte Angst, aber ich habe dem Teufel schon immer auf den Kopf treten können, wenn es erforderlich war, und jetzt war es erforderlich. "Verdammt nochmal, verraten Sie mir, was hier los ist?"

"Na gut... aber du kommst langsam selbst dahinter, Clyde. Oder nicht?"

"Vielleicht. Ich kenne den Namen meines Dad oder meiner Mom oder des ersten Mädchens, mit dem ich ins Bett gegangen bin, nur deshalb nicht, weil Sie ihn nicht kennen. Ist es das?"

Er nickte und lächelte wie ein Lehrer einem Schüler zulächeln würde, der einen logischen Fehler gemacht hat und entgegen allen Erwartungen trotzdem zum richtigen Ergebnis gekommen ist. Aber in seinen Augen stand immer noch dieses schreckliche Mitleid.

"Und als Sie San Diego hier mit Ihrem Spielzeug geschrieben haben und es mir gleichzeitig selbst eingefallen ist..."

Er nickte und ermutigte mich.

"Sie besitzen nicht nur das Fulwider Building, oder?" Ich schluckte und versuchte, den dicken Kloß in meiner Kehle loszuwerden, der allerdings nicht weichen wollte. "Sie besitzen alles."

Aber Landry schüttelte den Kopf. "Nicht alles. Nur Los Angeles und einige umliegende Gegenden. Das heißt, diese Version von Los Angeles, einschließlich ihrer gelegentlichen Brüche in der Kontinuität und erfunden en Zusätze."

"Quatsch", sagte ich, aber ich flüsterte das Wort.

"Siehst du das Bild an der Wand links von der Tür, Clyde?"

Ich sah es an, aber das war kaum nötig, es zeigte Washington, wie er den Delaware überquerte, und es hing schon da seit... nun, seit Hector noch ein Welpe gewesen war.

Landry hatte seine Buck Rogers--Stenomachine aus Plastik wieder auf den Schoß genommen und beugte sich darüber.

"Tun Sie das nicht!" schrie ich und wollte ihn ergreifen. Ich konnte es nicht. Es schien, als hätten meine Arme keine Kraft, und es schien, als könnte ich die Willenskraft nicht aufbringen. Ich fühlte mich lethargisch, ausgelaugt, als hätte ich drei Liter Blut verloren und verlor ständig mehr.

Er ließ die Tasten wieder klappern. Drehte die Maschine zu mir um, damit ich die Worte im Fenster lesen konnte. Sie lauteten: An der Wand neben der Tür, die ins Candy--Land hinaus führte, hängt unser hochgeschätzter Landesvater... aber immer ein wenig schief. So halte ich ihn in der richtigen Perspektive.

Ich sah zu dem Bild. George Washington war fort, ersetzt durch ein Foto von Franklin Roosevelt. F. D. R. grinste und hatte die Zigarre in einem Winkel im Mund, den seine Befürworter keck und seine Gegner arrogant finden. Das Bild hing etwas schief.

"Ich brauche das Notebook nicht", sagte er. Er klang ein wenig verlegen, als hätte ich ihm etwas unterstellt. "Ich kann es auch, indem ich mich einfach konzentriere -- wie du gesehen hast, als die Telefonnummern von deiner Schreibtischschublade verschwunden sind --, aber das Notebook hilft. Wahrscheinlich weil ich es gewöhnt bin, alles aufzuschreiben. Und es dann zu bearbeiten. In gewisser Weise sind Bearbeiten und Umschreiben die faszinierendsten Arbeiten unseres Jobs, weil da die letzten Veränderungen stattfinden -- normalerweise geringfügig, aber häufig von entscheidender Bedeutung --, die das Bild richtig realistisch machen."

Ich sah Landry an, und als ich sprach, klang meine Stimme tot. "Sie haben mich erfunden, richtig?"

Er nichte seltsam beschämt, als hätte er etwas Schmutziges getan.

"Wann?" Ich stieß ein kurzes, seltsam krächzendes Lachen aus. "Oder ist das nicht die richtige Frage?"

"Ich weiß nicht, ob sie es ist oder nicht", sagte er, "und ich könnte mir denken, jeder Schriftsteller würde dir etwa dasselbe sagen. Es passierte nicht schlagartig -- da bin ich ganz sicher. Es war ein langwieriger Prozeß. Zum ersten Mal bist du in Scarlet Town aufgetaucht, aber das habe ich 1977 geschrieben, und seither hast du dich ziemlich verändert."

1977, dachte ich. Wahrhaftig ein Buck Rogers--Jahr. Ich wollte nicht glauben, daß ich das erlebte, wollte glauben, daß alles ein Traum war. Seltsam. Der Geruch seines Kölnisch verhinderte, daß ich das konnte -- der vertraute Geruch, den ich in meinem ganzen Leben noch nicht gerochen hatte. Wie konnte ich auch? Es handelte sich um Aramis, eine Marke, die mir so unbekannt war wie Toshiba.

Aber er fuhr fort.

"Du bist weitaus komplexer und interessanter geworden. Am Anfang warst du ziemlich eindimensional." Er räusperte sich und betrachtete einen Moment lächelnd seine Hände.

"Wie beschissen für mich."

Er zuckte angesichts der Wut in meiner Stimme zusammen, zwang sich aber trotzdem, wieder aufzusehen. "Dein letztes Buch war Wie ein gefallener Engel. Das habe ich 1990 angefangen, war aber erst 1993 damit fertig. In der Zwischenzeit hatte ich einige Probleme. Mein Leben ist interessant gewesen." Er verlieh dem Wort einen verbitterten, häßlichen Beigeschmack. "Schriftsteller schreiben ihre besten Werke nicht in interessanten Zeiten, Clyde. Glaub mir."

Ich betrachtete seine verlotterte Pennerkleidung, die an ihm hing, und kam zum Ergebnis, daß er recht haben könnte. "Vielleicht haben Sie deshalb dieses Mal so grandios Scheiße gebaut", sagte ich. "Die Geschichte mit der Lotterie und den vierzigtausend Dollar war reiner Quatsch -- südlich der Grenze zahlen sie in Pesos aus."

"Das habe ich gewußt", sagte er gelassen. "Ich will nicht sagen, daß ich nicht ab und zu einmal Mist baue -- in dieser Welt mag ich eine Art Gott sein, oder für diese Welt, aber in meiner eigenen bin ich ein ganz normaler Mensch -- doch wenn ich Mist baue, dann erfahren du und deine Mitmenschen es nie, Clyde, denn meine Fehler und Kontinuitätssprünge sind Teil deiner Wahrheit. Nein, Peoria hat gelogen. Ich wußte es, und ich wollte, daß du es weißt."

"Warum?"

Er zuckte wieder die Achseln und sah unbehaglich und ein wenig beschämt drein. "Ich denke, um dich ein wenig auf meine Ankunft vorzubereiten. Darum das alles, angefangen mit den Demmicks. Ich wollte dir nicht mehr Angst machen als unbedingt nötig."

Jeder Privatschnüffler, der die Butter aufs Brot wert ist, hat eine ziemlich gute Ahnung, wenn die Person auf dem Klientenstuhl lügt und wenn sie die Wahrheit sagt, zu wissen, wenn ein Klient die Wahrheit sagt, aber bestimmte Sachen verschweigt, ist ein selteneres Talent, und ich bezweifle, daß selbst die Genies unter uns es immer fertigbringen. Vielleicht merkte ich es jetzt nur, weil meine und Landrys Gehirnwellen im Gleichschritt marschierten, auf jeden Fall merkte ich es. Er sagte mir nicht alles. Die Frage war nur, sollte ich ihn darauf ansprechen oder nicht.

Was mich hinderte, war die plötzliche und gräßliche Intuition, die aus dem Nichts getanzt kam wie ein Gespenst, das aus der Wand eines Spukhauses schwebt. Es hatte mit den Demmicks zu tun. Der Grund, weshalb sie gestern nacht so still gewesen waren, war der, daß Tote keinen ehelichen Zank ausfechten -- das ist eine der Regeln, auf die man sich durch dick und dünn immer ziemlich gut verlassen kann, genau wie auf die, daß Scheiße bergab fließt. Schon als ich ihm zum ersten Mal begegnet war, hatte ich eine gewalttätige Ader unter Georges großstädtischem Lack gespürt, und geahnt, daß sich ein Biest mit scharfen Krallen hinter Gloria Demmicks hübschem Gesicht und schnippischem Gebaren verbergen mochte. Sie waren einfach ein bißchen zu sehr Cole Porter, um wahr zu sein, wenn Sie verstehen, was ich meine. Und jetzt war ich irgendwie überzeugt, daß George endgültig durchgedreht und seine Frau getötet hatte... und wahrscheinlich den kläffenden Welsh Corgi auch. Gloria saß möglicherweise aufrecht in der Ecke des Badezimmers zwischen Dusche und Toilette, das Gesicht schwarz, die Augen aufgerissen wie alte, trübe Murmeln, die Zunge zwischen blauen Lippen herausgestreckt. Der Hund hatte den Kopf auf ihrem Schoß liegen und einen Kleiderbügel aus Draht um den Hals gedreht, und sein schrilles Kläffen war für immer verstummt. Und George? Tot auf dem Bett mit Glorias Flasche Veronal -- leer -- neben sich auf dem Nachttisch. Keine Parties mehr, kein Jitterbug bei Al Arif, keine aufregenden Oberschichtsmorde in Pam Desert oder Beverly Glen. Sie kühlten gerade ab, lockten Fliegen an, wurden blaß unter ihrer modischen Swimmingpoolbräune.

George und Gloria Demmick, die in der Maschine dieses Mannes gestorben waren. Die im Kopf dieses Mannes gestorben waren.

"Wenn Sie mir keine Angst machen wollten, haben Sie Ihre Aufgabe beschissen gelöst", sagte ich und fragte mich sofort, ob er sie überhaupt besser lösen gekonnt hätte. Stellen Sie sich einmal folgende Frage: Wie bereitet man jemanden darauf vor, Gott kennenzulernen? Ich wette, selbst Moses wurde ein wenig heiß unter der Kutte, als der Busch zu brennen anfing, und ich bin nichts weiter als ein Schnüffler, der für vierzig pro Tag plus Spesen arbeitet.

"Wie ein gefallener Engel war die Geschichte mit Mavis Weld. Der Name Mavis Weld stammt aus einem Roman mit dem Titel Die kleine Schwester. Von Raymond Chandler." Er sah mich mit dieser besorgten Unsicherheit an, die eine Spur Schuldbewußtsein in sich hatte. "Es ist eine Hommage." Er sprach die erste Silbe so aus, daß sie sich auf Rom reimte.

"Schön für Sie", sagte ich, "aber der Name des Burschen sagt mir nichts."

"Selbstverständlich nicht. In deiner Welt -- bei der es sich selbstverständlich um meine Version von L. A. handelt --, hat Chandler nie existiert. Trotzdem habe ich alle möglichen Namen aus seinen Büchern in meinen verwendet. Im Fulwider Building hatte Philip Marlowe, Chandlers Detektiv, sein Büro. Vernon Klein... Peoria Smith... und selbstverständlich Clyde Umney. Das war der Name des Anwalts in Playback."

"Und so etwas nennt man Hommage?"

"Genau."

"Wenn Sie das sagen, mir scheint es ein neues Wort für schlichtes, altes Abschreiben zu sein." Aber es war ein komisches Gefühl zu wissen, daß mein Name von einem Mann , von dem ich nie gehört hatte, in einer Welt, von der ich nicht einmal träumte, erfunden worden war.

Landry besaß den Anstand zu erröten, senkte den Blick aber nicht.

"Na gut, vielleicht habe ich ein bißchen gewildert. Ich habe auf jeden Fall Chandlers Stil nachgeahmt, aber da war ich nicht der erste. Ross Macdonald hat es in den fünfziger und sechziger Jahren auch getan, Robert Parker in den siebziger und achtziger Jahren, und die Kritiker haben sie dafür mit Lorbeerkränzen geschmückt. Außerdem hat Chandler selbst von Hammett und Hemingway gelernt, ganz zu schweigen von Pulp--Autoren wie..."

Ich hielt die Hand hoch. "Lassen wir den Literaturunterricht und kommen wir zu des Pudels Kern. Es ist verrückt, aber..." Mein Blick wanderte zu dem Bild von Roosevelt, von dort zu der unheimlich leeren Schreibtischunterlage, und von dort wiederum zu dem hageren Gesicht auf der anderen Seite des Schreibtischs, "... aber sagen wir mal, ich glaube es. Was machen Sie hier? Weshalb sind Sie gekommen?"

Aber ich wußte es bereits. Ich verdiene meinen Lebensunterhalt als Detektiv, aber die Antwort darauf kam aus meinem Herzen, nicht aus dem Kopf.

"Ich bin wegen dir gekommen."

"Wegen mir."

"Ja, tut mit leid. Ich fürchte, du wirst dein Leben auf eine neue Art und Weise betrachten müssen. Clyde. Als... nun, sagen wir einmal, als ein Paar Schuhe. Du ziehst se aus und ich ziehe sie an. Und wenn ich die Schnürsenkel gebunden habe, gehe ich weg."

Na klar. Selbstverständlich. Und plötzlich wußte ich, was ich tun mußte... das Einzige, was ich tun konnte.

Ihn wegschaffen.

Ich verzog das Gesicht zu einem breiten Lächeln. Einem Erzählen--Sie--mir--mehr--Lächeln. Gleichzeitig faltete ich die Beine unter mir und bereitete mich darauf vor, ihn über den Schreibtisch hinweg anzuspringen. Nur einer von uns konnte dieses Büro verlassen, soviel stand fest. Ich beabsichtigte derjenige zu sein.

"Ach wirklich?" sagte ich. "Wie faszinierend. Und was wird aus mir, Sammy? Was wird aus dem Privatschnüffler ohne Schuhe? Was passiert mit Clyde..."

Umney, das letzte Wort sollte mein Nachname sein, das letzte Wort, das dieser aufdringliche, dreiste Störenfried in seinem Leben zu hören bekam. In dem Augenblick, wenn ich es aus sprach, wollte ich springen. Das Problem war, die Telepathie schien in beide Richtungen zu funktionieren. Ich sah einen erschrockenen Ausdruck in seinen Augen, dann machte er sie zu und verzog den Mund vor Konzentration. Er bemühte die Buck Rogers--Maschine gar nicht erst, wahrscheinlich wußte er, daß er keine Zeit dazu haben würde.

"'Seine Enthüllungen wirkten auf mich wie eine Art lähmende Droge'", sagte er im leisen, aber tragenden Tonfall von jemandem, der rezitiert, nicht nur spricht. "'Jegliche Kraft schwand aus meinen Muskeln, meine Beine fühlten sich wie zwei Spaghetti al dente an, und ich konnte nur in meinen Sessel zurück sinken und ihn ansehen.'"

Ich sank in meinem Sessel zurück, meine Beine unter mir wurden schlaff, ich konnte ihn nur ansehen.

"Nicht besonders gut", sagte er leutselig, "aber Stegreifimprovisation ist nie meine Stärke gewesen."

"Sie Dreckskerl", sagte ich kläglich. "Sie elender Hurensohn."

"Ja", stimmte er zu. "Das bin ich wohl."

"Warum tun Sie das? Warum stehlen Sie mein Leben?"

Da blitzten seine Augen zornig auf. "Dein Leben? Du weißt es besser, Clyde, auch wenn du es nicht einsehen willst. Es ist ganz und gar nicht dein Leben. Ich habe dich erfunden, ich habe an einem regnerischen Tag des Jahres 1977 angefangen und bis in die Gegenwart weiter gemacht. Ich habe dir dein Leben gegeben, daher steht es mir zu, es dir auch wieder zu nehmen."

"Sehr nobel", höhnte ich, "aber wenn Gott in diesem Augenblick herunterkommen und Ihr Leben auseinandernehmen würde wie schlechte Nähte an einem Schal, könnten Sie meinen Standpunkt vielleicht ein bißchen besser verstehen."

"Schon gut", sagte er, "Sie haben wohl recht. Aber warum streiten? Mit sich selbst zu streiten, das ist wie mit sich selbst Schach zu spielen -- ein faires Spiel führt jedesmal zu einem Remis. Sagen wir einfach, ich tue es, weil ich es kann."

Plötzlich war ich etwas ruhiger. Ich befand mich auf vertrautem Gelände. Wenn sie einen in der Hand hatten, mußte man sie zum Reden bringen und dafür sorgen, daß sie weiter redeten. Das hatte bei Mavis Weld funktioniert, und es würde auch hier funktionieren. Sie sagten Sachen wie: Nun, ich denke, es kann nicht schaden, wenn Sie erfahren oder Was kann es schon anrichten?

Mavis' Version war regelrecht elegant gewesen: Sie sollen wissen, Mr. Umney -- ich möchte, daß Sie die Wahrheit mit in die Hölle nehmen. Sie können sie dem Teufel bei Kaffee und Kuchen erzählen. Es spielte eigentlich keine Rolle, was sie sagten, so lange sie redeten, schossen sie nicht.

Immer dafür sorgen, daß sie redeten, darauf kam es an. Man mußte sie am Reden halten und hoffen, daß die Kavallerie rechtzeitig eintraf.

"Die Frage ist, warum wollen Sie es?" fragte ich. "Es ist ganz sicher nicht üblich, oder? Ich meine, seid ihr Schriftsteller normalerweise nicht zufrieden, die Schecks zur Bank zu bringen, wenn sie kommen, und euren Angelegenheiten nachzugehen?"

"Sie versuchen, mich am Reden zu halten, Clyde. Oder nicht?"

Das traf mich wie ein Schwinger in die Magengrube, aber ich hatte keine andere Wahl als es bis zum Ende durchzuspielen. Ich grinste und zuckte die Achseln. "Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wie auch immer, ich will es wirklich wissen." Und das war nicht gelogen."

Er sah noch einen Moment unsicher drein, bückte sich und strich über die Tasten in seinem seltsamen Plastikkoffer (ich spürte Krämpfe in Beinen und Eingeweiden, als er sie berührte), dann richtete er sich wieder auf.

"Ich denke, es kann nicht schaden, wenn Sie erfahren", sagte er schließlich. "Immerhin, was kann es schon anrichten?"

"Nicht das geringste."

"Du bist ein klager Junge, Clyde", sagte er, "und du hast ganz recht -- Schriftsteller tauchen selten ganz in die Welten ein, die sie geschaffen haben, und falls doch, dann ausschließlich in ihren Köpfen, während ihre Körper in einem Irrenhaus vegetieren. Die meisten von uns geben sich damit zufrieden, einfach nur Touristen im Land der Phantasie zu sein. Bei mir war das auf jeden Fall so. Ich bin kein schneller Schreiber -- ich glaube, ich habe dir gesagt, daß das Schreiben immer eine Tortur für mich war --, aber ich schaffte fünf Bücher mit Clyde Umney in zehn Jahren, und jedes war etwas erfolgreicher als das vorherige. 1983 kündigte ich meinen Job als Bezirksleiter einer großen Versicherungsgesellschaft und wurde freier Schriftsteller. Ich hatte eine Frau, die ich liebte, einen kleinen Jungen, der jeden Morgen die Sonne aus dem Bett kickte und sie jeden Abend wieder zu Bett brachte -- jedenfalls kam es mir so vor --, und ich glaubte nicht, daß das Leben noch besser werden konnte."

Er veränderte die Haltung auf dem dickgepolsterten Klientenstuhl, nahm die Hand weg, und ich sah, daß die verbrannte Stelle von Ardis McGills Zigarette auf der Armlehne ebenfalls verschwunden war. Er stieß ein bitter kaltes Lachen hervor.

"Und ich hatte recht", sagte er. "Es konnte nicht mehr besser werden, aber viel, viel schlechter. Und es wurde schlechter. Etwa drei Monate nachdem ich mit Wie ein gefallener Engel begonnen hatte, fiel Danny -- unser kleiner Junge -- im Park von der Schaukel und schlug sich den Kopf an. Hat sich ausgeknockt, um deine Wortwahl zu gebrauchen."

Ein flüchtiges Lächeln, in jeder Hinsicht so bitter und kalt wie das Lachen gewesen war, huschte über sein Gesicht. Es kam und ging so schnell wie der Kummer.

"Er hat stark geblutet -- du hast genügend Kopfverletzungen gesehen und weißt, wie sie sind --, und Linda hatte schreckliche Angst, aber die Ärzte waren gut und wie sich herausstellte, handelte es sich nur um eine Gehirnerschütterung, sie stabilisierten ihn und gaben ihm einen Liter Blut als Ersatz für das, das er verloren hatte. Vielleicht war es nicht nötig -- und das quält mich --, aber sie taten es. Das echte Problem war nicht sein Kopf, weißt du, es war dieser Liter Blut. Er war mit AIDS infiziert."

"Bitte?"

"Das ist etwas, das du nicht kennen kannst, und dafür solltest du deinem Gott danken", sagte Landry. "Es existiert zu deiner Zeit noch nicht, Clyde. Es taucht erst Mitte der siebziger Jahre auf. Wie Aramis."

"Was macht es?"

"Es zerstört das Immunsystem bis alles zusammenbricht wie ein Kartenhaus. Dann kommt jeder Virus, der da draußen herum fliegt, von Krebs bis Windpocken, herbeigestürzt und feiert eine Party."

"Großer Gott!"

Sein Lächeln kam und ging wie ein Krampf. "Wenn du meinst. AIDS ist primär eine sexuell übertragene Krankheit, aber ab und zu taucht sie auch in Blutkonserven auf. Man könnt wohl sagen, mein Kind hat den Hauptgewinn in einer sehr unglücklichen Version von La Loteria gewonnen."

"Das tut mir leid", sagte ich, und es war mein Ernst, obwohl ich schreckliche Angst vor diesem dünnen Mann mit dem müden Gesicht hatte. Ein Kind wegen so etwas zu verlieren... was konnte schlimmer sein? Wahrscheinlich gab es etwas -- es gibt immer etwas --, aber man mußte sich setzen und darüber nachdenken, richtig?

"Danke", sagte er. "Danke, Clyde. Wenigstens ging es bei ihm schnell. Er fiel im Mai von der Schaukel. Die ersten purpurnen Flecken -- Kaposi--Sarkom -- traten bis zu seinem Geburtstag im September auf. Am achtzehnten März 1991 starb er. Vielleicht mußte er nicht so sehr leiden wie viele andere, aber er litt. O ja, er litt."

Ich hatte auch nicht die geringste Ahnung, was ein Kaposi--Sarkom war, beschloß aber, daß ich nicht fragen würde. Ich wußte auch so schon mehr als ich je wissen wollte.

"Du verstehst vielleicht, warum ich mit deinem Buch etwas langsamer war", sagte er. "Oder nicht, Clyde?"

Ich nickte.

"Aber ich machte weiter. Hauptsächlich weil ich glaube, daß etwas erfinden eine heilsame Wirkung hat. Vielleicht muß ich das glauben. Ich versuchte auch, mein Leben weiter zu führen, aber es ging alles schief damit -- es war fast, als wäre Wie ein gefallener Engel eine Art böser Fluch, der mich in Hiob verwandelt hatte. Meine Frau verfiel in schwere Depressionen nach Dannys Tod, und ich war so besorgt um sie, daß ich die roten Flecken kaum bemerkte, die ich auf Beinen und Bauch und Brust bekam. Und den Juckreiz. Ich wußte, es war kein AIDS, und am Anfang war das das Einzige, das mich interessierte. Aber die Zeit verging und es wurde immer schlimmer... hast du je Gürtelrose gehabt, Clyde?"

Dann lachte er und schlug sich mit der Hand auf die Stirn -- eine Was--bin--ich--für--ein--Narr--Geste bevor ich den Kopf schutteln konnte.

"Natürlich nicht -- du hast nie mehr als einen Kater gehabt. Gürtelrose, mein Schnüfflerfreund, ist ein komischer Name für ein schreckliches chronisches Leiden. In meiner Version von Los Angeles steht ziemlich gute Medizin zur Verfügung, um die Symptome zu lindern, aber das half mir nicht viel, Ende 1991 litt ich Qualen. Teilweise lag das natürlich an allgemeinen Depressionen wegen Dannys Schicksal, aber überwiegend wegen den Schmerzen und dem Juckreiz. Das gäbe einen interessanten Buchtitel über einen gepeinigten Schriftsteller ab, glaubst du nicht? Die Schmerzen und der Juckreiz, oder Thomas Hardy in der Pubertät. Er stieß ein schroffes, geistesabwesendes Lachen aus.

"Wie Sie meinen, Sam."

"Ich sage, es war eine Zeit in der Hölle. Natürlich ist es jetzt leicht, Witze darüber zu machen, aber zu Thanksgiving des Jahres war es kein Witz -- ich schlief höchstens drei Stunden pro Nacht, und an manchen Tagen war mir, als wollte mir die ganze Haut vom Körper kriechen und davonlaufen wie der Pfefferkuchenmann. Wahrscheinlich habe ich darum nicht gemerkt, wie schlimm es mit Linda wurde.

Ich wußte es nicht, konnte es nicht wissen... und doch wußte ich es. "Sie hat Selbstmord begangen."

Er nickte. "Im März 1992, am Jahrestag von Dannys Tod. Das ist jetzt über zwei Jahre her."

Eine einzige Träne rann an seiner runzligen, vorzeitig gealterten Wange hinab, und ich hatte eine Ahnung, als wäre er verdammt schnell gealtert. Es war eine irgendwie niederschmetternde Erkenntnis, daß ich von so einer Billigversion von einem Gott erschaffen worden war, aber es erklärte auch einiges. Zum Beispiel meine Unzulänglichkeiten.

"Da genügt", sagte er mit einer Stimme, die von Wut ebenso wie von Tränen verzerrt wurde. "Kommen Sie zur Sache, wie du sagen würdest. In meiner Zeit sagen wir mach endlich hin, aber das läuft auf dasselbe hinaus. Ich schrieb das Buch zu Ende. An dem Tag, als ich Lydia tot im Bett fand -- wie die Polizei später Gloria Demmick finden wird, Clyde --, hatte ich hundertneunzig Manuskriptseiten fertig. Ich war an der Stelle, als du Mavis' Bruder aus dem Lake Tahoe fischst. Drei Tage später kam ich von der Beerdigung nach Hause, warf den Textcomputer an und machte einfach mit Seite hunderteinundneunzig weiter. Schokkiert dich das?"

"Nein", sagte ich. Ich wollte ihn fragen, was ein Textcomputer sein könnte, überlegte dann aber, daß das nicht nötig sein würde. Das Ding auf seinem Schoß war selbstverständlich ein Textcomputer. Mußte einer sein.

"Da bist du ganz entschieden eine Minderheit", sagte Landry. "Es schockierte die wenigen Freunde, die ich noch hatte, und zwar gewaltig. Lindas Verwandte waren der Meinung, ich hätte nicht mehr Gefühl als ein Warzenschwein. Ich besaß nicht die Energie zu erklären, daß ich nur versuchte, mich selbst zu retten. Auf sie gepißt, wie Peoria sagen würde. Ich klammerte mich an mein Buch wie ein Ertrinkender an einen Rettungsring. Ich klammerte mich an dich, Clyde. Meine Gürtelrose war immer noch schlimm, und das verlangsamte mein Tempo -- bis zu einem gewissen Ausmaß hielt es mich draußen, sonst wäre ich vielleicht schon früher hier eingetroffen, aber es hielt mich nicht auf. Als ich das Buch fertig hatte, ging es mir ein wenig besser -- jedenfalls körperlich. Aber als ich es fertig hatte, verfiel ich ebenfalls in meine Form von Depressionen. Ich ging das lektorierte Manuskript in einer Art Benommenheit durch. Ich verspürte so ein Gefühl des Bedauern... des Verlustes..." Er sah mich direkt an und sagte: "Ergibt das alles überhaupt einen Sinn für dich?"

"Es ergibt einen Sinn", sagte ich. Und auf eine verrückte Weise war es tatsächlich so.

"Es waren noch eine Menge Tabletten am Haus"-- sagte er. "Linda und ich ähnelten den Demmicks in vieler Hinsicht, Clyde -- wir warn fest davon überzeugt, daß Chemikalien das Leben besser machen konnten, und ich war manchmal nahe dran, zwei Händevoll zu nehmen. Ich dachte dabei nicht an Selbstmord, sondern daß ich Linda und Daniel einholen würde. Da ich sie einholen würde, so lange ich noch Zeit hatte."

Ich nickte. Das hatte ich bei Ardis McGill gedacht, als ich sie drei Tage, nachdem wir im Blondie's Tüdeldü zueinander gesagt hatten, mit einem kleinen blauen Loch mitten in der Stirn auf jenem vollgestopften Dachboden gefunden hatte. Nur war Sam Landry derjenige gewesen, der sie tatsächlich getötet, der es mit einer Art von flexibler Kugel ins Hirn getan hatte. Selbstverständlich war er es gewesen. In meiner Welt war Sam Landry, der müde Mann mit den Pennerhosen, für alles verantwortlich. Der Gedanke hätte verrückt wirken müssen, und das war er auch... aber er kam mir immer normaler vor.

Ich stellte fest, daß ich gerade noch genügend Energie in mir hatte, den Stuhl zu drehen und zum Fenster hinaus zu sehen. Was ich sah, überraschte mich irgendwie nicht: der Sunset Boulevard und alles um ihn herum war erstarrt. Autos, Busse, Fußgänger, alle hatten einfach in der Bewegung angehalten. Das da draußen war die Welt in einem Kodak--Schnappschuß, und warum auch nicht? Ihr Schöpfer hatte keine Zeit, die vollständig zu beleben, jedenfalls im Augenblick nicht, er steckte immer noch im Mahlstrom seines eigenen Kummers und Leids. Verdammt, ich konnte von Glück sagen, daß ich noch atmete.

"Also, was ist passiert?" fragte ich. "Wie sind Sie hierher gekommen, Sam? Darf ich Sie so nennen? Stört es Sie?"

"Nein, es stört mich nicht. Ich kann dir aber keine befriedigende Antwort darauf geben, weil ich es selbst nicht genau weiß. Ich weiß nur eines mi Sicherheit -- jedesmal, wenn ich an die Tabletten dachte, dachte ich an dich. Speziell dachte ich: Clyde Umney würde so etwas nie tun, und er würde jeden verachten, der es tut. Er würde es den Ausweg von Feiglingen nennen."

Ich dacht darüber nach, fand es zutreffend und nickte. Bei jemandem, der einem schrecklichen Schicksal ins Auge sah -- Vernons Krebs oder dem unfaßbaren Alptraum, der den Sohn dieses Mannes getötet hatte --, würde ich vielleicht eine Ausnahme machen, aber die Flatter machen nur wegen Depressionen? Das war etwas für Memmen.

"Dann dachte ich: 'Aber das ist Clyde Umney, und Clyde ist nur eine Erfindung... nur eine Ausgeburt dener Phantasie.' Dieser Gedanke hatte allerdings keinen Bestand. Die Dummköpfe dieser Welt -- überwiegend Politiker oder Anwälte -- machen sich über die Phantasie lustig und glauben, daß nichts real ist, wenn man es nicht rauchen oder streicheln oder spüren oder fikken kann. Das glauben sie, weil sie selbst keine Phantasie haben und nichts von ihrer Macht wissen. Ich wußte es besser. Verdammt, ich sollte es auch besser wissen -- mit meiner Phantasie verdiene ich seit zehn Jahren die Brötchen und bezahle die Hypothek.

Gleichzeitig wußte ich, ich konnte nicht weiter in der Welt leben, die ich als 'die wirkliche Welt' betrachtete, womit wir wahrscheinlich alle 'die einzige Welt' meinen. Da wurde mir klar, ich konnte nur noch an einen Ort gehen und mich zu Hause fühlen, und wenn ich dort an kam, konnte ich nur eine einzige Person sein. Der Ort war hier -- Los Angeles in den dreißiger Jahren. Und die Person warst du."

Ich hörte wieder das leise Surren aus seiner Maschine ertönen, drehte mich aber nicht um.

Teilweise, weil ich Angst davor hatte.

Und teilweise weil ich nicht mehr wußte, ob ich es noch können würde.

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